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WÄHREND DU GEHST
Bo hat seit 15 Jahren Krebs. Ein Hirntumor, der immer wieder nachwächst. 13 mal wurde er bereits operiert. Immer kann es nicht so weiter gehen, das Leben aus OP, Reha und ein wenig Alltag bis zum nächsten Mal. Nach der 13. OP verkündet der Arzt, dass Bo nicht mehr operiert werden kann.
Während du gehst begleitet Bo bei seinem Sterben, das wenige Wochen dauert. Bo selbst kommt zu Wort und seine Schwester erzählt.
Regie: Frederik Burghardt
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SICH EIN ZUHAUSE SUCHEN
Der Bräunigersche Mythos 54° 9´ N, 12° 23´ O
Das, was wir hatten, war immer mehr als Luft und Liebe, mehr Raum, als wir benötigten, mehr Satt, als wir vertrugen, mehr Schlaf, als wir träumten. Das, was wir hatten, bestäubte rote Plastebecher mit weißen Punkten, stand blätterdicht vor Terrassen mit Seilen zum Festhalten, zum Hochziehen, zum Schweinebaumeln. Das, was wir hatten, lag in der Luft, wenn wir Abende saßen auf Eiche rustikal, durchgesessen von fremden Verwandten, wenn wir Brote in Münder stopften – in Viertel geschnitten, aus Bechern nippten, in Röhren glotzten. Das, was wir hatten, klauten wir den Alten und trugen es hinaus in Wälder, auf Meere.
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dieses zur Sprache gehörende Wort
Erzählung
Vater hat für mich Nachrichten hinterlassen. Über meine Mutter Nachfragenachrichten an mich gerichtet. Umwege, auf denen er mich anspricht. Schließlich hat seine Frau angerufen. Du musst herkommen. Du bist seine Älteste. Du bist doch erwachsen. Du kannst doch helfen, musst doch helfen. Das eine hat sie gesagt, das andere, habe ich verstanden, das hat sie gemeint.
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gadjo
Erzählung
In U haben wir den Vater gesucht. Wir haben an seiner Tür geklopft und geklingelt. Das Haus steht gereiht zwischen fünf anderen. Da war ich längst die neue Frau vom alten Sohn.
Die Häuser sind bewohnt. Die Wände sind dünn. Niemand hat aber den Vater gehört. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände wurden gemeinsam errichtet. Niemand hat aber den Vater gesehen. Die Häuser sind bewohnt. Der Nachbar rief uns in D an. Der Vater wurde lange nicht gesehen. Doch als wir dort klingelten, wollte keiner mehr etwas sagen.
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*
Notiz
Das waren noch Wege. Holpriges Pflaster, gesperrte Wälder. Unsere asozialen Nachbarn, die wir liebten,
die Massen an Süßigkeiten hatten und alle hießen Haribo. Wenn wir losliefen, weil die Feuerglocke geläutet wurde.
Wenn einer sagte, ja weißt du denn nicht. Wenn wir in der kleinen Kammer schliefen. Als dein Bruder noch mit der
Wäscheleine die Pferde einfing. Ohne Sattel ritt.
Wiebke Jacobs & Henriette Vásárhelyi
ZELLE
und als ich Stunden später aufstand, war da mein anderes Leben
Zu Installation der Künstlerin Wiebke Jacobs (Ausstellung: Prolog 2
Analog vom 30.5.-13.6.2008 Marienburgerstraße Berlin):
Zelle mit dem Untertitel: und als ich Stunden später aufstand, war da mein anderes Leben entstand
der folgende Text, der auf ein Bettuch gestickt wurde:
In der Krone des Kirschbaums zur Blüte wird am Kai noch Ladung gelöscht, als ein fast fliegender
Zug das Licht der Laterne umkreist. Am Eingang zum Meer lacht ein Pferd, lacht ein Hund und der Schütze duckt
sich, duckt sich und ballert in eine ganz andere Richtung. Mitten im Ort an bunten Röcken vereinzelter Frauen,
die die Zeit vor dem Haus, vor dem Tor stehen, mit verschränkten Armen stehend warten, haften Erinnerungen.
Dinge, die ich nicht mehr weiß, Dinge, die erst noch kommen wollen, Dinge, die unmöglich sein können.
AN DER BEOBACHTUNG TEILGENOMMEN
Aus diesen Miniaturen spricht die realexistierende Familie Mustermann. Die Idee war in kurzen Stücken, in der Aufmachung einer Akte des MfS, die möglichen Biografien der Mitglieder einer Familie Mustermann anzudeuten, deshalb klaffte auch bis vor Kurzem im Sinne der Vernebelung ein schwarzer Balken über dem Familiennamen. Optisch unterteilt waren die Miniaturen in die Bezirke der DDR nach Kraftfahrzeugzeichen, inhaltlich chronologisch mit dem Voranschreiten der Geschichte der DDR und in einer Aufmachung ähnlich, wie in einer schreibmaschinengeschriebenen Akte, diese Aufmachung brauchte der Text mit der Zeit nicht mehr. Die Kfz-Zeichen machen den letzten Abschnitt vielleicht deutlicher, weil sie auf das Landschaftssystem – die Einteilung in Bezirke nach Buchstaben anspielen – aber ihr sonstiger Wert für den Text wurde mir zu schwammig.
Die Miniaturen sind ein Versuch, mittels Auslassungen, Kernsituationen herauszustellen, welche individuelle Biografien sichtbar machen: widersprüchliche Biografien. Gegenüber den 2 Konstellationen von Biografie: angepasst oder oppositionell, die bekannt sind.
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DIE IDEE MUTTER
Auf den Internetseiten von vorleser.de finden Sie eine Auswahl von Texten aus der “Tippgemeinschaft”
als kostenlose Hörbücher - gesprochen von den beiden Schauspielern Anne Hoffmann und Torben Kessler.
Unter dem Geburtsnamen Henriette Langer, die Erzählung Die Idee Mutter.
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spitzendige Zweige
Die Straße zum Bahnhof sind meine Schwester und ich immer nur so entlang geschlichen. Wir deckten nie Geheimnisse auf, sahen sie nur an, so genau wie möglich, wir hatten Adleraugen. Wir trotteten wenige Häuser bis zur Kreuzung und bogen dann in die Straße ein, die zum Bahnhof führte. Ebenso wenige Häuser später auf der linken Seite war ein kleiner Platz, den wir Kinder aus dem Viertel nur Dreieck nannten und wir sagten: „Kommst du heute zum Dreieck? Um drei?“ Zwischen drei Straßen standen zwei Linden und darunter zwei Bänke, graugrün verwittert.
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Jetzt nicht mehr
Ich war so lange nicht mehr bei ihr. Bestimmt ein Jahr, vielleicht waren es längst zwei. Ich dachte, dass ich ihr Blumen bringen müsste. Jemand, dachte ich, müsste doch hinfahren und ihr Blumen bringen.
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