Kontakt & Links








Henriette Vásárhelyi
immeer

Wie durch Hohlspiegel, hinter denen Menschen laufen und sich verzerren, vor mir die Straße durch beschlagenes Glas. Auf dem Nordpol das Vergessen, auf dem Südpol das Erinnern. Ich bin müde. Es ist schon spät. Überall stehen die Dinge nicht an ihrem Ort. Nicht an ihrem Alten und noch nicht an ihrem Neuen. Es ist chaotisch. Oder kommt es mir nur so vor? Ich wusste gar nicht, wie groß diese Wohnung ist. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie zu vermessen. Zeit ist genug, aber sie ist nur mit unsinnigen Sachen gefüllt. Überhaupt nur mit Sachen. Und mit Jan, den ich nicht hinausschieben kann, den ich nicht über die Schwelle dieser Wohnungstür tragen kann.





PUTERNICUL - DER STARKE
Präsentation/Prezentare Berlin,
Deutschland/Germania: Samstag/Sambata, 11. September/Septembrie 2010


Eine Theater-Videoperformance zwischen Realität und Pixelwelt mit jungen Menschen und Schauspielern aus Berlin (Deutschland) und Holzmengen (Rumänen). Stückentwicklung, Holzmengen im Juni 2010.





dieses zur Sprache gehörende Wort
Erzählung

Vater hat für mich Nachrichten hinterlassen. Über meine Mutter Nachfragenachrichten an mich gerichtet. Umwege, auf denen er mich anspricht. Schließlich hat seine Frau angerufen. Du musst herkommen. Du bist seine Älteste. Du bist doch erwachsen. Du kannst doch helfen, musst doch helfen. Das eine hat sie gesagt, das andere, habe ich verstanden, das hat sie gemeint.

weiterlesen >>>





gadjo
Erzählung

In U haben wir den Vater gesucht. Wir haben an seiner Tür geklopft und geklingelt. Das Haus steht gereiht zwischen fünf anderen. Da war ich längst die neue Frau vom alten Sohn. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände sind dünn. Niemand hat aber den Vater gehört. Die Häuser sind bewohnt. Die Wände wurden gemeinsam errichtet. Niemand hat aber den Vater gesehen. Die Häuser sind bewohnt. Der Nachbar rief uns in D an. Der Vater wurde lange nicht gesehen. Doch als wir dort klingelten, wollte keiner mehr etwas sagen.

weiterlesen >>>





/////////////////////////////////////////

ICH HAB DICH mit den anderen
Psychiatern draußen tanzen sehen
beim Sackhüpfen am Samstag

Dir war keiner der neuen Schritte fremd
Piagets Jeté und Freuds berühmter Dreifach-Lutz
(dessen Einschlag dem einer Bombe glich)

Du bist über den Dielenboden geschlittert
drehtest dich um die blanken Knöchel
so schutzlos ich konnte nicht mehr

Sandra Trojan






/////////////////////////////////////////

Ich war lange unter Wasser. Als triebe ich dicht unter der Oberfläche undurchsichtigen Wassers, unfähig zu ertrinken. Ich dachte an das angewinkelte Fenster zum Hof. Ich dachte an die kurzen, frischen Luftzüge, die zu uns hinüber auf das Bett gezogen waren. Ich dachte an dich, die du so dicht neben mir eingeschlafen warst.





CARTE & VIN / BUCH & WEIN
15. Mai 2010 Hosman/Holzmengen (RO)

ein schöner, kleiner Leseabend und ein sehr liebenswerter Kommentar von Mihai Gotiu.

lesen >>>





Henriette Vásárhelyi
SICH EIN ZUHAUSE SUCHEN
Der Bräunigersche Mythos 54° 9´ N, 12° 23´ O

Das, was wir hatten, war immer mehr als Luft und Liebe, mehr Raum, als wir benötigten, mehr Satt, als wir vertrugen, mehr Schlaf, als wir träumten. Das, was wir hatten, bestäubte rote Plastebecher mit weißen Punkten, stand blätterdicht vor Terrassen mit Seilen zum Festhalten, zum Hochziehen, zum Schweinebaumeln. Das, was wir hatten, lag in der Luft, wenn wir Abende saßen auf Eiche rustikal, durchgesessen von fremden Verwandten, wenn wir Brote in Münder stopften – in Viertel geschnitten, aus Bechern nippten, in Röhren glotzten. Das, was wir hatten, klauten wir den Alten und trugen es hinaus in Wälder, auf Meere.

weiterlesen >>>





Henriette Vásárhelyi
AN DER BEOBACHTUNG TEILGENOMMEN

Aus diesen Miniaturen spricht die realexistierende Familie Mustermann. Die Idee war in kurzen Stücken, in der Aufmachung einer Akte des MfS, die möglichen Biografien der Mitglieder einer Familie Mustermann anzudeuten, deshalb klaffte auch bis vor Kurzem im Sinne der Vernebelung ein schwarzer Balken über dem Familiennamen. Optisch unterteilt waren die Miniaturen in die Bezirke der DDR nach Kraftfahrzeugzeichen, inhaltlich chronologisch mit dem Voranschreiten der Geschichte der DDR und in einer Aufmachung ähnlich, wie in einer schreibmaschinengeschriebenen Akte, diese Aufmachung brauchte der Text mit der Zeit nicht mehr. Die Kfz-Zeichen machen den letzten Abschnitt vielleicht deutlicher, weil sie auf das Landschaftssystem – die Einteilung in Bezirke nach Buchstaben anspielen – aber ihr sonstiger Wert für den Text wurde mir zu schwammig. Die Miniaturen sind ein Versuch, mittels Auslassungen, Kernsituationen herauszustellen, welche individuelle Biografien sichtbar machen: widersprüchliche Biografien. Gegenüber den 2 Konstellationen von Biografie: angepasst oder oppositionell, die bekannt sind.

weiterlesen >>>





Wiebke Jacobs & Henriette Vásárhelyi
ZELLE
und als ich Stunden später aufstand, war da mein anderes Leben

Zu Installation der Künstlerin Wiebke Jacobs (Ausstellung: Prolog 2 Analog vom 30.5.-13.6.2008 Marienburgerstraße Berlin): Zelle mit dem Untertitel: und als ich Stunden später aufstand, war da mein anderes Leben entstand der folgende Text, der auf ein Bettuch gestickt wurde:

„In der Krone des Kirschbaums zur Blüte wird am Kai noch Ladung gelöscht, als ein fast fliegender Zug das Licht der Laterne umkreist. Am Eingang zum Meer lacht ein Pferd, lacht ein Hund und der Schütze duckt sich, duckt sich und ballert in eine ganz andere Richtung. Mitten im Ort an bunten Röcken vereinzelter Frauen, die die Zeit vor dem Haus, vor dem Tor stehen, mit verschränkten Armen stehend warten, haften Erinnerungen. Dinge, die ich nicht mehr weiß, Dinge, die erst noch kommen wollen, Dinge, die unmöglich sein können.“








© Henriette Frieda Amanda Vásárhelyi